Jeder Stuhl steht für einen fehlenden Gast

Ach Leute, diese Zeiten sind doch echt verrückt. Ich kann Euch gar nicht sagen wie sehr mir der normale Wahnsinn fehlt. Das Besteck-Geklimper, die vielen und endlosen Gläser polieren, Servietten falten, Terrasse aufgedeckt – dann Regen, dann wieder Sonnenschein, der „Streit“ zwischen Küche und Service. Am Ende des Abends siegt doch der Service mit dem Dessert-Bon kurz vor Küchenschluss. Die Lauferei, die Diskutiererei, die vielen schönen Momente, wenn die Gäste einfach nur glücklich und zufrieden sind. Wie oft gehen wir diese „extra Meile“, weil wir es aus Liebe zum Job, der Verbundenheit zum Haus oder einfach nur, weil wir ein unglaubliches Feingespür dafür haben, wie wir Gästen ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Wir haben Namen, wir sind keine Nummern, wir machen Fehler, denn wir sind nicht durch Maschinen ersetzbar und wir alle „brennen“ wenn es um etwas geht. 

Wir sind auch keine „Jammerer“, wir packen an, wir haben noch nie geheult, auch nicht wenn es nach 16 Stunden heißt, Tisch 4 kann weiter und auch an Pfingstmontag sind wir noch freundlich und geben unser Bestes. 

Gastro vor dem Aus?

Doch derzeit wackelt unsere lange Gasthaus Tradition und einige stehen vor dem Aus. Viele Kollegen bangen um ihren Betrieb, ihre Existenz, ihr Herzblut, ihren Schweiß und ihre Tradition. Denn oft sind die Betriebe von einer Generation in die nächste gewandert. 

Mein Herz blutet, ich bin so groß geworden, ich bin die 3. Generation. Die vielen Veränderungen der letzten Jahre haben wir alle getragen, fehlendes Personal, mangelnde Wertschätzung, Bonpflicht, Arbeitsschutzgesetz, DSGVO… alles. Wir machen alles mit, vom kleinen Betrieb bis hin zum großen. Unsere Gastronomieszene ist bunt und vielfältig. Das ist gut so. 

Corona schafft uns ab. Wir „tragen“ die Situation nun seit mehr als sechs Wochen. Ein Ende ist nicht in Sicht. Von Seiten der Regierung wurden wir offensichtlich am 19. April vergessen. Eine Wiedereröffnung oder ein Fahrplan wie und wann es für uns weitergeht? Steht in den Sternen.

Runter von der Couch

Am Dienstag kam dann die Aufforderung, wir sollen runter von der Couch. Am Freitag versammeln sich die Hoteliers und Gastronomen von Rhein, Mosel, Lahn, Westerwald und Ahr am Deutschen Eck, jeder bringt Stühle mit. Auch die Arbeitskleidung soll man – sofern man reinpasst – anziehen. Hotelier Marek Gawel organisierte im kleinen Team innerhalb von 72 Stunden eine großartige Aktion vor dem Deutschen Eck in Koblenz. 

Weitere 80 Städte in Deutschland sind dem Aufruf gefolgt. Jeder leere Stuhl repräsentiert einen fehlenden Gast. Am Donnerstagabend stand in unserer Whatsapp Gruppe 55 Betriebe nehmen teil. Wir sollen die Kollegen weiter auffordern und aquirieren, vom Sofa aufzustehen und sich an der Aktion zu beteiligen. Am Freitagmorgen wurden 1.500 Stühle am Deutschen Eck von mehr als 100 Betrieben zusammengetragen. Natürlich waren wir alle aufgefordert, Mundschutz, Handschuhe und den Abstand zu gewahren. 

Hoffnung und Motivation statt Wut und Hilflosigkeit

Von Wut, Traurigkeit oder Hilflosigkeit war nicht viel zu spüren, eher sowas wie Hoffnung, Motivation und irgendwie war auch ein Stück „Alltag“ zurück. Stühle aufbauen – das können wir doch! Tafeln eindecken – klar! Ein „Event“ planen zur Rettung unserer aller Arbeitsplätze und dann noch koordinieren – auch das! Sogar mit speziellen Hygienevorschriften! Wir kriegen alles hin! Diese Gruppendynamik war unglaublich und hat sehr motiviert. Wir wollen wieder an den Gast, wir könnten…, wir „brennen“.

Wir möchten – auch mit bestimmten Voraussetzungen gerne wieder starten, lieber gestern als heute. Jeder Tag ist verloren. Alle wünschen sich das. 

Es war irgendwie schön, so viele bekannte Gesichter nach der langen Zeit mal wieder zu sehen und auch neue Kontakte zu knüpfen. 

Fachsimpeln ist spannend, wenn man sich mit Köchen unterhält und jeder seine ganz eigene Art hat, ein und das gleiche Gericht zuzubereiten. Winzer, die einer Riesling-Pflanze verhelfen, seine ganze Komplexität zu entfalten, Barmixer, die die Mixology verstehen und so viele mehr. Was haben wir eigentlich in den letzten Jahren an „Berufen“ im Hotel hinzugewonnen? Als ich anfing, war alles noch ganz klassisch aufgeteilt in Bar, Rezeption, Küche, Service und Housekeeping. Heute können wir in fast allen Abteilungen arbeiten, Back Office, Bankett-Abteilung, Social Media Bereich, Revenue – auch ganz spannend, wie ich finde, Marketing-Abteilung, F&B Bereich, der so viel größer ist als vor 20 Jahren. Dann die Concierge – spätestens seit dem Film „Ein Concierge zum Verlieben“ hat der Beruf mehr Fans und die Guest Relation, Reiseleitung, (teilweise) Theater und wenn es das nicht gibt, so haben wir alle eine tolle Performance abzulegen – als Einheit – vor dem Gast. Wenn es darauf ankommt, können wir alle punktgenau abliefern. Das ist es was ich liebe! Wenn ein Plan funktioniert… =) 

Wir sind schon eine eigenartige Branche, das gebe ich zu, wer nicht dazu gehört, wird es auch nie verstehen. Aber all diese Vielfalt, die unterschiedlichen Arten der Gastro-Szene, die modernen Hotels, die kleinen Pensionen, alle haben ihre Daseinsberechtigung. 

Es war auch komisch, alle mit Mundschutz zu sehen, doch durch die Maske konnte ich Menschen lächeln sehen und Hoffnung in den Augen spüren. Die zahlreichen schönen Gespräche heute, die Vielzahl der bunten Betriebe, die Aufgabe im Orga-Team, hier ein Kaffee, dort eine Ansprache, es ist toll wenn wir alle gemeinsam für die Region zusammenstehen und für unsere Sache brennen:

#RestartGastro

so schnell wie möglich!