„Hatten wir nicht mal zwei Ziegen?“

Ich weiß nicht mehr welches Jahr und welcher Tag es genau war, doch es war definitiv an Karneval im März herum. Ich war oben im Biergarten und habe Opa Willis Kiosk abgestaubt, gesäubert und neue Pflanzen eingesetzt. Die zwei Ziegen Charlie und Lotte standen unmittelbar in meiner Nähe und haben beobachtet was ich da so mache. Es könnte ja sein, das vielleicht eventuell auch etwas Grünes herunterfällt, darauf haben die zwei sicherlich nur gewartet. 

Doch vor lauter meckernder Ziegen und ein wenig Unachtsamkeit ist mir natürlich eins meiner Pflanzgefäße ins Ziegengehege heruntergefallen. Es war nichts aus Porzellan, sondern eine kleine Schildkröte aus einem Reisigmaterial. Ich bin also über den Zaun geklettert – ja, das kann ich noch! Bin dann über den Bach gesprungen, runter zu den Ziegen ins Gehege und habe den Topf aufgehoben. Jedem mal freundlich über den Kopf gestreichelt und wieder zurück geklettert. 

Zwei oder auch drei Tage später sind wir mit Mia, zudem Zeitpunkt waren wir noch zu dritt, auf einen Karnevalsumzug gefahren. Auf dem Campingplatz war in dem Moment niemand, außer unser Hof- und Wachhund, die Hühner und die Ziegen. Einige Stunden später sind wir wieder zu Hause angekommen. Wir haben unser Auto vor den Garagen abgestellt. Nachdem wir drei ausgestiegen sind, fragte Christian: „Hatten wir nicht mal zwei Ziegen?“ „Ähm, ja“, antwortete ich leicht irritiert. Wo sollten die schon sein? Aber Christian hatte Recht, es war weder ein Charlie noch eine Lotte aufzufinden. 

Aber Ziegen sind ja treue Haustiere und vor allem gar nicht so doof wie man immer meint. Wir riefen Lotte, Charlie… Mia wurde auch schon leicht nervös. Einige Sekunden später hörten wir ein leises Meckern aus dem Wald, dann kamen sie so beiläufig auf dem Wanderweg daher gelaufen. Sie starrten uns an – ob es an den Kostümen lag? Wir schnappten uns, so bunt wie wir waren – ein paar Leinen und sind die beiden einfangen gegangen. Das klappte super – denn unser Charlie ist ja eine treudoofe Seele und kommt direkt angerannt, Lotte trottete einfach hinterher. Wir haben sie wieder zurück in den Ziegenstall gebracht. Wir blieben am Zaun stehen und überlegten an welcher Stelle die beiden ausgebüxt waren. Keine zwei Minuten später viel es mir wie Schuppen von den Augen. Sie hatten mich doch die Tage zuvor beobachtet, wie ich den heruntergefallenen Topf wieder aus dem Ziegengehege gefischt hatte, indem sie mir zusahen, wie ich über den Zaun gesprungen bin. Die dachten sich wohl, das was die kann, können wir schon lange. Genau so war es. Keine zehn Minuten später hatte Charlie schon genug vom eingesperrt sein und zeigte uns, wie galant er über einen Zaun aus dem Stand springen konnte. Lotte gleich hinterher. Uns war schnell klar – da muss etwas hin, das die zwei davon abhält darüber zu springen. Wir befestigten ein Gitter vor dem Wassergraben und seitdem haben die zwei nicht mehr das Weite gesucht und wir können wieder beruhigt auf Karnevalsumzüge fahren! 

Wie kam es eigentlich zu Hinkelchen, dem Huhn?

Nachdem der Fuchs oder Marder öfter da waren, hatten wir leider nur noch ein schwarzes kleines Huhn von fünf. Die kleinen schwarzen Australorps – Hühner haben schwarze Federn und je nach Sonneneinstrahlung schimmern die smaragdgrün. Nun ist es das schwarze Schaf – äh Huhn unter unseren Hühnern. Mia mag das kleine ganz besonders gern. Sie war es auch, der auffiel das dieses Huhn hinkte oder ein Bein immer entlastete. Leider konnten wir es nicht so schnell fangen, daher verging Woche um Woche und Mia bettelte, ich solle damit unbedingt zum Tierarzt fahren. Nach einiger Zeit hatten wir es endlich gefangen, anfänglich dachten wir, es war irgendwo reingetreten – aber ich konnte nichts finden und leider auch nichts sehen. Da wir es aber nun einmal gefangen hatten sind wir kurzerhand zum Tierarzt gefahren. Mia ist mitgefahren. Als wir im Warteraum saßen, hatte Mia einen kleinen Karton mit unserem Hühnchen auf ihrem Schoß. Eine nette ältere Dame saß mit ihrem kleinen West Highland Terrier ebenfalls im Warteraum und fragte Mia, „Ist Dein Hase krank?“ Mia schüttelte ihren Kopf uns sagte, „nein, mein Huhn.“ Die Frau wunderte sich und sagte: „Wieso ist der Hund im Karton?“ „Nein, nein, ein Huhn“ sagte Mia energisch und mit lauterer Stimme. Die Frau war sichtlich verwundert – „Ein Huhn?“ „Ja“, entgegnete ihr Mia. Dann wurde die Dame auch schon aufgerufen mit ihrem kleinen vierbeinigen Patienten. 

Kurze Zeit später waren wir an der Reihe. Die Tierarzthelferin der Praxis sagte: „Ein Huhn haben wir hier auch nicht alle Tage!“ Dann fragte sie ob ich es festhalten möchte, aber ich verneinte dankend und die Tierarzthelferin packte das Huhn beherzt unter den Flügeln, so das die Tierärztin es gut untersuchen konnte. Wir schilderten das uns aufgefallen war, dass es nicht mehr gut läuft und das wir nichts finden konnten im Fuß. Die Tierärztin sagte nach einer kurzen Weile mit kritischem Blick: „Das liegt auch nicht am Fuß, der Ring ist komplett ins Bein eingewachsen.“ Als sie das Beinkleid etwas anhob, sahen wir das ganze Malheur. Die Geflügelnummer, die einige gezüchtete Hühner um ihre Beine tragen, war komplett ins Bein gewachsen – wie auch immer das passiert ist. Durch diese Kunststoffringe kann man den Jahrgang, das Herkunftsland und durch die Farbe oder die Nummer, die pro Jahr nur einmal vergeben wird, auch den Stall bzw. den Züchter ausfindig machen. Die Australorps hatten wir von einem Züchter abgekauft. Leider habe ich nicht gewusst, dass so etwas passieren kann. 

Mia war zutiefst erschüttert und die Tränchen kullerten auch schon an ihren Wangen runter. Sie fragte die Tierärztin schluchzend: „Muss es denn jetzt sterben oder können wir ihm noch helfen?“ Die Tierärztin war sichtlich berührt über Mias Fürsorge und sagte: „Nein, nein, das kriegen wir schon hin, aber richtig laufen können, wird es wohl nicht mehr.“ Sie schnitt mit der Schere den Plastikring durch und versorgte die offene, klaffende Wunde. Das Bein wurde anschließend mit einem Verband umwickelt. Dann durften wir wieder mit unserem Huhn nach Hause fahren. Jetzt hieß es, alle zwei Tage zum Tierarzt – Verbandswechsel und Wundversorgung. Ich glaube, wir sind dreimal hingefahren zum Wechseln, von da an gab es ein Spray, das sollten wir täglich auf die Wunde sprühen. Mia hat das Huhn „Hinkelchen“ getauft. Hinkelchen muss seitdem fast überall mit hin. Wenn wir Äpfel sammeln gehen, fährt unser Huhn mit der Schubkarre mit, wenn die zwei Mädels mit der Oma unterwegs sind, kann es sein, das Hinkelchen auch hier mit muss. Letztens sind die drei mit Ruben – unserem Hund in Richtung Dorf unterwegs gewesen, auch hier hat Mia Hinkelchen getragen. Diesem ungewöhnlichen Trio sind zwei Wanderer begegnet, der Mann sagte: „Also, ich habe ja auch schon viel gesehen, aber ein spatzierendes Huhn… nein, das habe ich noch nicht gesehen!“ Er musste wohl auch zweimal hinschauen! Es wird überall hingetragen, manchmal wird es auch bekocht, verarztet oder einfach nur gestreichelt. Letztens haben die Mädels im Garten gespielt, das Hinkelchen der Gast ist, Ida hat fleißig gekocht, Mia hat dem Huhn eine Wellnessmassage auf der Liege gegeben. Hinkelchen lässt alles geduldig über sich ergehen. Die Hühner unter sich eben. 

Es ist schön, wenn Kinder so aufwachsen dürfen. Selbst mit Ida hatte ich letztens im Wald bestimmt 30 Minuten lang zwei Weinbergsschnecken beobachtet. Die eine der beiden hatte ein etwas dickeres Häuschen und das war dann in Idas Augen die Mama… mh… sollte ich vielleicht nochmal drüber nachdenken! =) 

Die andere saß mitten auf dem Weg, wir haben sie an den Rand gesetzt zu ihrer „Mama“ und da sie sich eingerollt hatte, waren Ida und ich am rätseln ob sie nun aufs Klo gegangen ist oder sich was zum Essen gerade macht oder vielleicht doch eher ein Nickerchen abhält. Kinder sind sehr im Hier und Jetzt – Tiere auch. Das finde ich persönlich total schön. Es interessiert sie nicht, was Du trägst, wieviel Geld Du auf dem Konto hast oder welche Automarke Du fährst. Sie nehmen Dich so wie Du bist – auch wenn Du hinkelst! 

Also, wundert Euch nicht, wenn Euch das lustige Trio mal irgendwo begegnet.