Man hat gerade das Gefühl als würde die Erde still stehen. Seit Corona uns im Griff hat und wir gezwungen sind, zu Hause zu bleiben, tun viele nichts anderes als in die Wälder zu gehen um zu wandern oder sie spazieren über teilweise längst vergessene Pfade.

„Gehet in die Wälder und werdet wieder Menschen“ – schrieb einst Jean-Jacques Rousseau.

Shinrin-yoku: Neuer Trend aus Asien

In Japan und China ist in den letzten Jahren ein neuer Trend entstanden: Shinrin-yoku. Übersetzt heißt es so viel wie Waldbaden. Im Wald werden Stresshormone abgebaut, der Blutzucker reduziert und der ganze Körper erholt sich. Nun wurde das in Japan wissenschaftlich belegt. Seitdem gehen die Japaner regelmäßiger in den Wald um sich zu erholen. 15 Minuten täglich reicht dazu aus, um die Sinne wieder zu schärfen oder sogar nachweislich Adrenalin abzubauen. Ein Shoppingtag in der Stadt bewirkt dagegen eher nichts. 

Den Wald spüren

Ich lebe am Wald, lebe mit ihm, ich persönlich brauche ihn. Ich spüre, wenn ich durch den Wald wandere, dass es mir direkt besser geht. Stressige Situationen, schlechte Laune all das scheint wie weggeblasen nach einem ausgiebigen Waldspaziergang. Aber um das zu erkennen, brauche ich keine wissenschaftliche Belegung oder ein neues Wort wie Shinrin-yoku. Seit Corona habe ich das Gefühl, die Vögel sind wieder verstärkt bei uns angesiedelt, Meisen, Bachstelzen und sogar Schwalben sind fleißig ihre Nester am Bauen. Auch besucht uns in den letzten Tagen regelmäßig ein kleiner Fuchs. Unsere Wiesen sind übersäht mit unzähligen Gänseblümchen und jeder Menge Löwenzahn, mehr als je zuvor. Die Natur um mich herum scheint sich gerade vom „Virus Mensch“ ein wenig zu erholen.

Der Wald vor meiner Haustüre verändert sich täglich. Nach dem Winter sehnt man sich nach den satten und unterschiedlichen Grüntönen der Bäume. Wenn man bewusst darauf achtet, kann man sehen, wie die kleinen Sprossen und Blättchen täglich wachsen und ganz plötzlich sind die Blätter im Frühling in all ihren Farben da. Nach einem Regen riecht es nicht nur besonders im Wald, nein, es scheint auch, als wären die Farben noch satter und noch grüner als grün. Und was es alles an verschiedenen Grün-Tönen gibt. Das ist einfach großartig zu erleben. Im Sommer ist der Wald ein angenehmer Schattenspender. Die Sonne leuchtet durch die Blätter, der Wind lässt die Blätter tanzen. Wenn wir mal tief die Waldluft einatmen, bekommt unsere Lunge einen richtigen Sauerstoff-Schub. Im Herbst duftet es oft modrig oder gar muffig. Wenn es Winter ist, alle Blätter abgefallen sind und es ganz still im Wald ist, riecht die Luft fast klar, ganz rein. Am besten noch nach einem Schneefall, das fühlt sich an, als wäre sie wirklich reingewaschen. Wir waren einen Winter in Finnland, dort biegen sich die Baumkronen von der Last der gewaltigen Schneemassen. Bei -20°C ist es zwar eisig, doch die Natur, die Bäume, die Luft, das alles ist märchenhaft schön. Ich habe noch nie so reine Luft eingeatmet wie dort. Finnland ist weit entfernt von Luftverschmutzungen und laut der WHO ist Finnland das sauberste Land in der EU. Aber das sei nur am Rande erwähnt. Nach dem Flug in Düsseldorf angekommen, haben wir damals einen riesigen Unterschied gespürt, eher gerochen! Die Luftqualität war eindeutig eine andere. Abgase, hupende und fahrende Autos, Handy klingeln hier und da, sprechende Menschen… das war schon Stress für uns, wo wir diese Stille und eisige Kälte zuvor genossen haben. Auch jetzt, in Zeiten von Corona, wo unser Betrieb geschlossen ist, ist das Vogelgezwitscher, Mühlradgeplätscher geradezu Musik in meinen Ohren. Wenn wir Menschen sprechen hören auf dem Wanderweg, ist es fast schon ein irritierendes Geräusch. Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie es das erste Mal in der vollen Stadt sein wird… Natürlich vermissen wir unser Gastgeber-Dasein und auch mal wieder ein gutes Gespräch, ein Glas Wein mit Freunden, ein Essen mit lieben Menschen, doch momentan ist die Situation so wie sie ist und wir „besinnen“ uns auf das Wesentliche – auf uns. 

Achtsam in den Wald eintauchen

Das tun wir tatsächlich auch im Wald. Jeder Schritt folgt einem anderen, man geht achtsam auf unbekannten Wegen. Man saugt die Geräusche des Waldes auf, ein Zwitschern, ein Baumrauschen, ein knacksender Ast, vielleicht auch ein Bachgeplätscher. Das ist es was uns wieder Energie gibt – zumindest wenn man den Forschern aus Japan glauben mag. In den Wald eintauchen mit allen Sinnen, die Naturreize stärken unser Nervenkostüm nachweislich positiv. Alleine die Kinder lieben den Wald. Alles was dort wächst, liegt oder krabbelt hat etwas Magisches. Viele der Märchen finden im Wald statt, wie zum Beispiel Rotkäppchen, Schneewittchen, Hänsel und Gretel oder viele andere. 

Doch der Wald ist nicht nur für die Gebrüder Grimm eine Inspirationsquelle, nein auch Ludwig van Beethoven ließ sich vom Wald inspirieren und komponierte so seine 6. Symphonie.
„Mein Dekret: nur im Lande bleiben. Wie leicht ist in jedem Flecken dieses erfüllt! Mein unglückseliges Gehör plagt mich hier nicht. Ist es doch, als ob jeder Baum zu mir spräche auf dem Lande: heilig, heilig! Im Walde Entzücken! Wer kann alles ausdrücken? Schlägt alles fehl, so bleibt das Land selbst im Winter wie Gaden, untere Brühl usw. Leicht bei einem Bauern eine Wohnung gemietet, um die Zeit gewiß wohlfeil. Süße Stille des Waldes! Der Wind, der beim zweiten schönen Tag schon eintritt, kann mich nicht in Wien halten, da er mein Feind ist.“
– Ludwig van Beethoven: Skizzenblatt 1815 (Wikipedia)

Doch warum fasziniert uns der Wald so? Unsere Vorfahren, die Affen leben mit Vorliebe im Wald oder Urwäldern und hangeln sich von Ast zu Ast. Als Jäger und Sammler lebten wir lange Zeit ganz eng in Verbindung mit der Natur. Wir waren lange Zeit von dieser abhängig. Erst mit dem Feuer und dem Ackerbau haben wir gelernt den Wald anders zu nutzen. So wie wir es heute noch machen, als Rohstofflieferant Holz. Wussten Sie, das in Deutschland jedes Jahr ca. 56 Mio. Festmeter eingeschlagen werden? Das ist weitaus weniger als nachwächst. (Quelle: www.wald.de) Der Wald hat viel mehr zu bieten als Erholung oder Holz. Der Wald ist erheblich an dem Klimaschutz beteiligt. Ein Wald in der Nähe einer Stadt bewirkt ein angenehmeres Klima. Der Wald sorgt für ein besseres Grundwasserangebot, durch seine großen Speicherkapazitäten von Wasser. Sauerstoff ist ein wichtiger „Nebeneffekt“ der Bäume. Der Wald „reinigt“ auch unsere Luft. Staub, Gase oder radioaktive Stoffe werden gefiltert. Natürlich ist er auch ein Zuhause für die vielen Tiere und Pflanzen. 

Vieles mehr bietet uns der Wald noch. Corona ist in der Hinsicht für mich persönlich ein kleiner Segen, weil ich mich in dieser Phase erden konnte und mich komplett auf mein kleines Universum konzentrieren konnte. Wir haben dem Wald um uns herum viel mehr Bedeutung gegeben und natürlich zusammen mit meinen Kindern den Spaß am „Waldbaden“ mit allen Sinnen entdeckt. Wir haben Moos berührt, Baumrinden abgemalt, sind manchmal barfuß über die Wege gelaufen, haben Kräuter und Bäume bestimmt, am Bach etwas schwimmen gelassen oder es untergehen lassen, Vögel bestimmt und deren Liedern zugehört, Stockbrot am Lagerfeuer gemacht, Steine umgedreht um zu schauen, wer da wohnt, neue kleine Käfer kennengelernt, Eidechsen beobachtet, Schnecken versetzt und vieles, vieles mehr. Eins ist klar, für Kinder ist der Wald ein riesiger Abenteuerspielplatz! Stürzen Sie sich ins Abenteuer Wald auch ohne Shinrin-yoku! =)