Ich muss ehrlich gesagt zugeben, ich hatte mir schon einige Male vorgestellt, wie es wohl wäre, hier in der Mühle einfach „nur“ zu leben und zu wohnen. Das irgendwann einmal ein kleiner Virus daher kommt und diese „gedankenlosen“ Gedanken in die Realität umsetzt, konnte ich nicht ahnen. Ich träumte allerdings auch von Pferden, die da grasen wo aktuell noch Wohnwagen stehen…
Gut, kann ja nicht immer alles rund laufen. 

Momentan ist es aktuell der 2. Lockdown der uns betrifft, obwohl wir in den Wintermonaten auch weniger zu tun haben als in den übrigen Monaten, fühlt es sich für uns nicht ganz so surreal an. Doch Ostern frei zu haben oder den 01. Mai „feiern“ zu können, war schon Neuland für uns. 

Nichts desto trotz ist auch in diesem Lockdown etwas anders, nämlich Homeschooling und Homekindergardening. Wer Kids zu Hause hat, weiß wovon ich jetzt spreche. 

Die Routine oder der Alltag ist weg

Wahrscheinlich geht es allen so, aber ich bin gerade gefühlt Lehrerin, Kindergärtnerin, Putzfrau, Freundin, Ehefrau, Geschäftsfrau und Spielkameradin – alles in einer Person! Wie das mit Multitasking und Frauen so ist, möchte ich nicht weiter erläutern. Ehrlich gesagt, zwei Funktionen sind mir da eindeutig zu viel, nämlich die ersten beiden! Kochen hab’ ich abgegeben, das übernimmt Christian. Unser Hund ist Gott-sei-dank auch schon sehr lange hier wohnhaft, er kann mittlerweile schon alleine Gassi gehen! Zumindest läuft er morgens alleine über den Platz, schaut nach dem rechten und scheucht die Hühner auf. Das ist eine große Erleichterung, denn in der Zeit können wir anderen uns fertig machen und mit dem Homeschooling beginnen.

Man glaubt es kaum, aber tatsächlich geht mein Wecker jeden Morgen um 6 Uhr, alles andere könnte zu einem verwahrlosen bis 10 Uhr schlafen ausarten, ach quatsch… wir haben doch Kinder! =) 

Naja, 6 Uhr starten wir erstmal mit Kaffee, ohne kannst Du auch in den Tag starten, ist aber ziemlich doof und fit wirst Du auch nicht! Um 06.30 Uhr startet mein persönliches Online-Fitnessprogramm, wir müssen uns ja fit halten, wer rastet der rostet! Sollte ein Kind schon wach sein, wird es zum Fitness mit Kind… 

Spätestens um 7 Uhr sind alle wach. Einer trinkt Kaffee, einer tanzt schon herum, die Große beginnt schon mit den Hausaufgaben – meistens nicht ohne Jammern, denn es ist zu früh, es ist zu viel, zu schwer und überhaupt ist alles gerade doof. Und ich? Ja, im besten Fall sitze ich vor meinem Online-Kurs zur Kräuterpädagogin. Falls nicht, kontrolliere ich die Hausaufgaben, halte das tanzende Kind im Zaum und streichle den Hund – das beruhigt! Man kann auch morgens schon mit Wein beginnen, aber ich glaube, Hund streicheln ist da die bessere Alternative! 

So, gegen 09.30 Uhr ruft unser Chefkoch Christian „Frühstück“, hat er denn alles verlernt? Man könnte doch ein Frühstück a la Mühle Vogelsang kredenzen. Naja, bei uns läuft das eher so a la carte mäßig ab, wenn jeder seine Bestellung abgegeben hat, geht Christian in die Gastro-Küche und schmiert für jeden das was er möchte und dann wird serviert. Die Erwachsenen trinken Kaffee, die Große fragt wieviel Fett, Zucker oder wieviel Tier im Frühstück sei und die kleinste Müllerin hampelt auf dem Stuhl zu Mark Forster der nebenbei im Radio läuft herum. Zwischendurch popelt sie im Toast rum, muss kurz aufstehen um den Hund zu streicheln und kommt wieder an den Tisch zurück und singt „100 la la la länder…“. Alle sind mit dem Frühstück fertig, Ida fängt mit dem Frühstück an, sortiert fleißig aus, räumt den Teller um, Tomaten nach oben, Banane nach links, Brot wird genau untersucht und dann hört man: „Das mag ich nicht“. Unser Chefkoch räumt die Teller weg, und die Kleine schreit: „Ey, … Papa… ich ess’ noch…“ Herrlich, oder? 

10 Uhr Schule ist fertig, 10.15 Uhr Mia ist langweilig! =) Puh… wie gut das um 10 Uhr Online-Schule beginnt oder Online-Kindergarten-Programm mit Basteln, Tanzen und Singen am PC. Für heute noch einmal Glück gehabt! Muss ja auch mal sein! =)

11.00 Uhr unser Hund war sehr lange Gassi, Mia spielt in ihrem Zimmer oder zusammen mit ihrer kleinen Schwester Ida. 

Um 12.30 Uhr fängt Christian in der Küche mit dem nächsten Gang an. Mittagessen. Nichts ist für ihn gerade schlimmer als wie für 100 Leute eingekauft zu haben aber täglich „nur“ für 4 Leute zu kochen. Wovon einer das Essen analysiert und der andere gerne eine Nährwerttabelle vorliegen hätte. 

Jetzt wäre Zeit für ein Glas Wein, da stupst mich eine feuchte Nase an und will gekrault werden. Glück gehabt, der Wein muss warten – Ruben!

13.00 – 13.30 Uhr Ida geht in ihren Mittagsschlaf. Wir hätten jetzt so viel Zeit und Ruhe für Homeschooling. Mia spielt, bastelt, malt oder wir backen etwas oder fahren zum Reiten. Christian hat endlich Zeit für seine Dinge, Büro Emails beantworten, draußen etwas vorantreiben – etwas malern oder reparieren. 

14.00 Uhr – die Oma kommt! Lichtblick des Tages. Wir können gerade etwas voranbringen, Zimmer Umbau planen und gestalten, Hund an der Leine gassi führen, verschiedene Zoomcalls, Flyer voranbringen und Grünkohl to Go – irgendwas ist dauernd! 

So ziehen die Tage dahin

Aktuell Tag 98 im 2. Lockdown. Das Gefühl ist unbeschreiblich, niemand, aber auch niemand, der gerade nicht in dieser Situation steckt, kann sich auch nur annähernd ausmalen, wie das ist. 

Kein Licht am Ende des Tunnel, Hilfen die im November versprochen wurden und Mitte Januar teilweise auf den Konten ankommen, keinen Alltag zu haben, abgesehen von wirtschaftlichen Faktor – wird man genügend Unterstützung haben, wenn es irgendwann mal los gehen sollte, die Personalfrage bleibt vorerst ungeklärt. Dann von -20 auf 2000 alles hochfahren innerhalb weniger Tage… es ist so viel mehr als nur ein Lockdown. 

Ich mag mir gar nicht erst ausmalen, wie viele psychisch daran scheitern. Die existenzielle Bedrohung ist für viele eine große Not. Die Gewalt an Kindern nimmt derzeit drastisch zu und der Konsum an Alkohol steigt ebenso an. Selbst im ersten Lockdown habe ich oft gesagt, es sind wohl mehr Menschen die in die Depression abtriften, als die, die tatsächlich an Corona erkranken. Was für einen hohen Preis hat dieser Lockdown? Was macht es mit der Generation in Mias Alter? Wird Homeschooling bald zum Alltag? Alles nur noch online? Weinproben, Kurse, Seminare, Schule, ja selbst der Kindergarten? Alles für ein paar Likes und Hashtags? Was macht das mit den Generationen, wenn man keine Nächstenliebe aus nächster Nähe mehr erfährt? Jeder nur noch Abstand hält? Nur noch vor den Bildschirmen sitzt, kaum jemand sein eigenes Umfeld verlässt? Was passiert mit der Angst, die gerade die in der Existenznot haben, und mit deren Kindern, die es jeden Tag hautnah mitbekommen? Was passiert mit den kleinsten Kindern, die derzeit Menschen nur mit Maske kennenlernen? Was macht das mit denen? 

Ich bin mir sicher, das auch ein Lockdown für etwas gut sein soll… wir besinnen uns auf uns. 

Daher sind wir momentan Rentner ohne Rente – aber mit Kids!

In meinen Gedanken habe ich mir das auch alles anders vorgestellt, dieses Rentnerdasein… 

Nun, unser Tag ist ja noch nicht vorbei…

18.00 Uhr Unser Chefkoch Christian fragt das Abendessen ab, ja das geht a la carte und jeder wie er will und was er will. Einer möchte Toast mit Käse, einer bekommt Toast mit Wurst und Gurken, einer Suppe und einer Käsewürstchen und einer Hundefutter. Nachdem alle Fragen zum Inhalt der Speisen getätigt wurden geht’s los. Einer macht Quatsch, einer erzählt über Harry Potter, der Hund schlawänzelt um den Tisch und wundert sich, denn von da steigen ganz andere Düfte in seine Nase, immerhin zwei essen. 

18.30 Uhr Fernsehen, Kinderprogramm. Durchatmen! 

20.00 Uhr Alles im Bett, einschließlich wir! =)  und wir träumen, träumen von einer Zeit mit vielen Gästen, gutem Essen und netten Gesprächen, stoßen an aufs Leben und zwar live, in Farbe. Alle gemeinsam zusammen an einen Tisch, Alt und Jung. Wir träumen wie die Kinder wieder auf dem Spielplatz herumtoben, Kinderräder herum sausen, die Ziegen werden wieder mehr gestreichelt und gefüttert. Die Hühner gackern. Es ist Leben um uns herum. Wir träumen von unserem Team, das mit uns durch die hektischen Tage geht und uns unterstützen, jeder packt an, live und direkt. Wir kochen nicht vor einer Kamera, sondern für reale Gäste, nicht für Likes oder Kommentare auf irgendwelchen Portalen, sondern für ein reales Feedback, von Angesicht zu Angesicht und am liebsten ohne Masken… Wir können uns wieder frei bewegen, die Schulen und Kitas sind geöffnet und Kinder können spielen – ohne Abstand. Ein Husten lässt nicht mehr gleich das schlimmste vermuten und Umarmungen von lieben Menschen sind wieder möglich. 

Bis dahin, streicheln wir den Hund, trinken hier und da mal ein Gläschen Wein, kochen weiterhin für 4, damit wir in Übung bleiben, lenken uns ab, lernen nochmal das 1×1, oder verschiedenes über Kräuter, lesen Bücher (mittlerweile habe ich schon Buch Nr. 5 am Start), hoffen auf besseres Fernsehprogramm, tapezieren und streichen innen und außen alles was geht, scheuchen die Kinder über den Platz zusammen mit Ziegen, Hühnern und dem Hund. Unser Ausgehen heißt Lebensmittel-Einkauf und ist somit das Highlight der Woche, unsere besonderen Anlässe werden auf unbekannt verschoben. Der Kleiderschrank hat endlich mal genügend zum Anziehen, denn man trägt sowieso täglich ähnliches und sonst stellt sich nur die Frage: Passt die Maske auch zu meinem Outfit? Mittlerweile tragen drei Personen im Haushalt Pferdeschwanz und jemand einen geflochtenen Zopf – wie sich das aufteilt, überlasse ich Eurer Fantasie! 

 In diesem Sinne, freuen wir uns auf hoffentlich baldiges Wiedersehen und bis dahin, klingelt täglich der Wecker…