Dieses Jahr wurden wir gefragt, ob Christian für die Kapitäne eines Passagier-Flussschiffes kochen möchte und ob ich mir vorstellen könnte, einen Vortrag für deren Gäste zu halten. Das Event mit dem Live – Cooking fand bereits statt. Einige haben es auch auf Instagram oder Facebook gesehen. Doch mein Vortrag, den ich gleich mehrmals halten darf, ist erst für nächstes Jahr geplant. Ich habe also noch etwas Zeit! Warum erzähle ich Euch das? Nun, dieser Blog hat mit meinem Auftritt zu tun! Ich darf über die Gastronomie an der Mosel erzählen. Wie war es früher, wie ist es heute, was hat sich verändert. 

Doch wie war es eigentlich früher?

Leider kann ich meinen Opa Willi nicht mehr befragen. Was hat ihn dazu bewegt, aus der Mühle eine Straußwirtschaft zu machen? Wieso eigentlich Camping? Und wie war es damals als Müller? Oder wie war es hier zu leben ohne Gäste? In vollkommener Einsamkeit und Stille. Ich hätte so viele Fragen. Einige davon bleiben für immer unbeantwortet. 

Wir gehen gerade in die ruhige Phase des Jahres und ich habe mein „Büro“ an den Stammtisch gegenüber der Theke verlegt. Durch das Fenster kann ich in den Wald blicken. Er verändert sich gerade täglich. Bald sind keine Blätter mehr an den Bäumen. Doch mein Gedanke gehört nicht dem Wald, sondern vielmehr meinem Urgroßvater Philipp Steffen, dessen Hochzeitsfoto auch genau hier hängt. Er hatte interessanterweise an ebendieser Stelle sein Büro. Von einer Straußwirtschaft war noch keine Rede. Wenn ich mir vorstelle, ich sitze gerade genau hier an seinem Platz mit dem gleichen Blickwinkel, den auch mein Urgroßvater hatte, da geht mir das Herz auf. 

Philipp Steffen wurde in Beltheim geboren. Er hat die einzige Tochter des Müllers Nicolaus Halfen und der Luise Wilbert am 29. Januar 1908 in der kleinen Kapelle im Ehrenburgertal standesamtlich geheiratet. Maria Anna Halfen stammt aus der „Halfensmühle“, heutige Mühle Vogelsang. Philipp Steffen war Polizeisergeant in Brodenbach. Zu seiner Zeit war dies der höchste Rang. Er war vielleicht der einzige Polizist in Brodenbach und hat die Leitung der Dienststelle übernommen. In die Stelle als Bürgermeister ist Philipp Steffen auch eine Zeit lang angetreten. Vielleicht hat er auch ganz oft im „Home-Office“ gesessen, hier wo ich gerade sitze und über seine Phase nachdenke. 

Einfach war seine Zeit in der Mühle mit Sicherheit nicht

Wir wissen, dass aus der Ehe Steffen-Halfen insgesamt neun Kinder hervorgegangen sind, davon 6 Jungen und 3 Mädchen. Allein davor ziehe ich meinen Hut! Stellt Euch mal vor, mit neun Kindern Hausaufgaben machen! Allein mit einem Kind ist das manchmal eine Herausforderung! Nach Ende des Ersten Weltkrieges hat Philipp Steffen sich beruflich umorientiert und die Halfensmühle übernommen. Denn aus den alten Unterlagen vom 28. Januar 1921 geht hervor, dass er die Wasserrechte zum Betreiben einer Mühle beantragte. Die Zeiten waren für Philipp und Maria sicher keine einfachen, zudem auch einige ihrer Kinder aus dem Krieg nicht mehr heimkamen. Die wirtschaftliche Lage des Reichs war katastrophal. Ich frage mich sowieso, wieso er seinen so sicheren Job an den Nagel gehängt hat, um eine Mühle zu übernehmen. Die Gezeiten, eine sieben Tage Woche, die Abhängigkeit vom Wasserstand – all das führt sicherlich nicht zu Reichtum und Ruhm. Doch es ist überliefert, dass wir eine Bannmühle waren, d.h. die Bauern in der näheren Umgebung waren verpflichtet, bei uns das Mehl mahlen zu lassen, somit gab es keinen Wettbewerb. Philipp Steffen starb im Alter von 67 Jahren im Krankenhaus in Koblenz-Moselweiß. Maria Anna Steffen starb am 09. August 1949 in Brodenbach. 

Von Opa „Willi“ kam die Idee der Straußwirtschaft

Der Mühlenbetrieb wurde eingestellt. Das 7. Kind – und somit mein Opa „Willi“ übernahm die Mühle Vogelsang in Brodenbach. Wahrscheinlich war dies zu der Zeit auch kein leichtes Unterfangen, doch sah er in Brodenbach wohl eher eine Chance als auf dem Hof in Kattenes. Der Hof meiner Oma Luzia Fuhrmann, die er am 16. Juni 1947 in Münstermaifeld heiratete. 

Ihm kam die Idee einer Straußwirtschaft. Als leidenschaftlicher Jäger waren seine selbst geräucherten Schinken überall bekannt. Anfang der 1950er Jahre waren die Deutschen sehr sparsam und haben sehr wenig Geld ausgegeben. Der Aufschwung kam erst gegen Ende der 50er Jahre. Trotzdem eröffnete Willi einen Campingplatz. Anfangs mussten sich die Gäste mit einer Sense selbst die Stellflächen frei machen. Das wäre heute wohl undenkbar! 

Die Straußwirtschaft und der Campingplatz liefen in den 60er und 70er Jahren gut. Abgesehen von Wirtschaftskrisen, knapper werdender Energie, diversen Umweltproblemen hatten sie dennoch ihre kleine heile Welt, die für die 6-köpfige Familie Steffen ausreichte. Deren „Probleme“ erinnern mich an unsere jetzige Situation. Es gab 1973 eine Ölkrise, die zur schwersten Wirtschaftskrise seit Kriegsende führte. Preise wurden erhöht, von den erdölfördernden Ländern und die Bundesrepublik Deutschland verhängte Geschwindigkeitsbeschränkungen und Fahrverbote an Sonntagen. Sie hatten wohl ähnliche Probleme zu einer anderen Zeit. 

Willi Steffen hatte bestimmt ein großes Herz, leider litt er an Herzbeschwerden und verstarb am 14. Dezember 1980 – 9 Tage vor meiner Geburt. Ich hätte ihn so gerne kennengelernt, der Mann mit dem trockenen Humor, zwei Pferden, Pflanzenkenner, Jäger und Winzer. 

Nach dem Tod meines Opas übernahm meine Mutter Gisela und mein Vater Erich Höltke den Betrieb

Durch die vielen An-, Um- und Ausbauten haben sie sich in den Anfängen um ein Vielfaches vergrößert. Die Gäste mussten sich die Parzellen nicht mehr mit einer Sense selbst freischneiden, es wurde alles regelmäßig gemäht. Es gab fast 130 Dauerstellplätze, überall wurde geraucht und morgens trafen sich schon die Bauarbeiter auf einen Frühschoppen, da es noch Schlecht-Wetter-Geld gab. Es wurde von Schnittchen, Würstchen und Co. auf eine richtige Küche mit Schnitzel, Hackbraten und Forelle umgestellt. In den 80ern und 90ern hat niemand das Essen hinterfragt, wo es herkam, keiner hatte eine Laktose-Gluten-Fruktose Intoleranz, vieles kam in Plastik verpackt, Veganer und Vegetarier gab es gefühlt so gar nicht, der Kaffee war einfach – es gab vielleicht noch Cappuccino als Pulver zum Anrühren, aber Soja-Latte, Dinkelmilch-Cappuccino, Frappé und Espresso macchiato waren absolute Fremdwörter. Sonderwünsche und Happy Meal gab es ebenfalls nicht – es war eine Junior-Tüte beim goldenen M und fertig. So war es fast überall. 

Ich denke, jede Zeit hatte auch ihre Herausforderungen

Ich will mich gar nicht aus dem Fenster lehnen und sagen, die Zeit bei meinem Opa oder meinen Eltern war einfacher oder schwerer als unsere heute. Ich denke, jede Zeit hatte auch ihre Herausforderungen und auch ihre guten Zeiten. Wenn ich alte Bilder von meinem Opa und meiner Oma sehe, dann war die Zeit sicher eins nicht: hektisch. Sie waren nicht vernetzt und haben das Weltgeschehen nicht bis ins letzte Detail mitbekommen. Sie waren viel mehr im Hier und Jetzt und in der Jahreszeit. Wenn Heuernte war, wurde Heu gemacht, wenn die Trauben reif waren, wurde Wein gemacht, wenn Jagdsaison war, dann wurde das Reh geschossen. Es gibt einige Bilder, in denen sie mit Gästen, der Familie oder mit einem Nachbarn beim Schoppen Wein zusammensitzen. Es gab andere Prioritäten. Die Bohnen ernten konnte meine Oma auch morgen noch, jetzt ist es wichtiger, die Geselligkeit mit den Gästen zu genießen. Sie hatten kaum den Druck, etwas leisten zu müssen, den wir heute oft verspüren. Sowieso, wer pflanzt heute noch Bohnen an? Es ist einfacher diese zu kaufen, es gibt sie eh das ganze Jahr, statt nur im Juli und August. Heute ist die Woche voll mit verschiedenen Terminen, jeder soll mehr arbeiten, mehr leisten, mehr verdienen = höher, schneller, weiter. Wenn mein Opa nach Kattenes fahren wollte, war dies immer ein ganzer Tagesausflug, aber auch sie sind irgendwann am Ziel angekommen. Es war halt so. Ein chinesisches Sprichwort sagt: „Wer langsam geht, kommt schneller ans Ziel!“ Gut, damit möchte ich auch nicht unbedingt tauschen, aber wir haben sowieso kaum Zeit für irgendwas. 

Mal eben nach Mallorca fliegen, war zu der Zeit nicht. Alles schien ewig weit weg. Aber es gab viele fahrende Händler, wo man Staubsauger, Messer, Obst und alles Mögliche aus dem Kofferraum heraus kaufte und mit drei Stubbis und zwei Korn bezahlte. Wer weiß, vielleicht ändert sich das auch bald wieder und wir zahlen nicht mehr mit Euros. 

Jede Zeit hat ihren Reiz und nicht alles ist schlecht von Damals

Einige Rezepte sind noch, so wie es zu Omas Zeiten gekocht wurde. Sind wir mal ehrlich, wer erinnert sich nicht gerne an die gute Küche von der Uroma oder Oma? Das sind Kindheitserinnerungen, die haben uns Kinder geprägt. Hier groß zu werden, war für mich ein Privileg. Ich konnte mich hier absolut frei entfalten. Der Wald war mein Spielplatz und es gab immer jede Menge Kinder zum Spielen. Sogar für einige Gäste ist die Mühle Vogelsang ein langjähriger Urlaubsspot. Egal, ob es langjährige oder neue Gäste sind, sie alle sagen das Gleiche: „Sie schlafen hier so gut, wie nirgend wo sonst!“ oder „Wir haben hier unsere absolute Ruhe umgeben von herrlichem Grün!“.  

Mit Sicherheit hatte dieser Ort eine spezielle Magie auf meine Vorfahren, denn nicht umsonst sind sie seit neun Generationen hier ansässig. Mein ältester erforschter Ahn ist Jakob Halfen aus Naunheim, geboren um 1635. Irgendwas haben sie ja von den Vorfahren übernommen, sonst wären sie nicht seit vielen hundert Jahren hier an diesem einen Fleck. Doch was hat sie hier, solange gehalten? Der Ort selbst? Die gute Luft? Der tiefe Schlaf? War der Boden besonders fruchtbar? Wir wissen, dass die beiden Seitentäler in Brodenbach einen besonderen Sauerstoff abliefern. Zum einen durch den Mischwald, zum anderen durch die kühle Talluft, die sich von oben nach unten in Richtung Mosel absenkt. Der gute Schlaf liegt also nahe. 

Alles andere wird wohl ebenso gut gewesen sein, sonst hätten sie sich bestimmt einen anderen Ort gesucht, der ertragsreicher in jeder Hinsicht ist. Ich gebe zu, auch nach all diesen Jahren bin ich den Anblick der Mühle noch nicht satt. Mein Herz geht auf, sobald wir von der Straße in unsere Einfahrt einbiegen und hinter der Hecke die Mühle zu sehen ist. Es ist jedes Mal aufs Neue einfach magisch! Ich wette, meinem Uropa erging es auch so und den ganzen Generationen davor. Obwohl die Mühle dann noch anders ausgesehen hat. Philipp Steffen hat sie 1913 bis auf die Grundmauern abgerissen und so wie sie heute da steht wieder aufbauen lassen. Wir sind eins der wenigen Häuser mit einem runden Fachwerk – wem ist es schon mal aufgefallen? Man sagt, je geschwungener die Balken im Fachwerkhaus, desto wohlhabender ist die Familie. Also zusammengefasst erging es ihnen wohl nicht schlecht! Es sind sogenannte Schmuckbalken und an unserem Haus wurde angeblich ein altes Mühlrad verbaut. So genau weiß das heute leider keiner mehr. Dennoch finde ich die Idee etwas wiederzuverwenden super und es spricht auch für die vorherigen Generationen, die alles geflickt, gestopft oder anderweitig verwertet haben. 

Ein Fachwerkhaus, so wie es damals in vielen Städten in Deutschland nur gebaut wurde, ist heute unbezahlbar

Für mich ist es das sowieso – unbezahlbar! So viele Geschichten, Herzblut, Schweiß und wahrscheinlich auch Geld aus verschiedensten Epochen ist hier reingeflossen, dafür kann man keinen Betrag x aufrufen. Mein Uropa hat am Stammtisch gesessen und sein Büro gemacht, mein Opa hat die Kellertreppe gebaut, die kleine Müllerin hat ihr Schlafzimmer dort, wo ganz früher die Mehlsäcke gelagert wurden, meine Mutter kam im heutigen Restaurant zur Welt, vor hundert Jahren war der jetzige Keller der wichtigste Raum – nämlich die Küche!… alle diese Geschichten können wir weitererzählen und manchmal staune ich darüber wie sie das früher alles gemacht haben und freue mich, in einem Raum zu stehen, indem schon Jakob Halfen am Küchentisch saß mit seiner Familie und wahrscheinlich Geschichten über seine Vorfahren erzählte. 

Die Mühle selbst hat sich ebenso verändert und jede Generation hat ihr ihren eigenen Schliff verpasst. Doch die Geschichte der Mühle selbst ist eine andere. Die erzähle ich vielleicht auch mal! 

Meine Rede für die Gäste an Bord der Flusskreuzfahrt steht noch nicht. Da werde ich jetzt in der ruhigen Phase nochmal in mich gehen und etwas zu Papier bringen. Aufgeregt bin ich schon jetzt – auch wenn bis dahin noch etwas Zeit ist. 

Aber andererseits freue ich mich auf die neue Herausforderung! Genauso ist es auch mit den verschiedenen „Problemen“ der Zeiten – jedes Problem ist nur dann ein Problem, wenn Du es zu einem Problem werden lässt. An Herausforderungen können wir wachsen – sie formen unseren Charakter und lassen uns zu den Menschen werden, die wir später sind. 

Wir leben hier in unserer kleinen, heilen Welt. Seit dem Lockdown und der Corona-Zeit sind wir wieder viel mehr im Hier und Jetzt. Diese Phase hat uns sehr geprägt und gezeigt, auch wir können einen Gang runterschalten, innehalten, die „Bohnen“ morgen ernten und lieber einen kleinen Plausch mit netten Gästen halten. Der Moment kommt so nie wieder. 

„Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.“

Lasst uns wieder mehr Windmühlen bauen!